Moderne Handelsbeziehungen werden immer komplexer und der internationale Handel expandiert weiter, so dass es immer häufiger vorkommt, dass derselbe Streit in mehreren Schiedsverfahren behandelt wird. Diese Situation stellt einen der kompliziertesten Aspekte des Schiedsrechts dar, und die Koordinierung paralleler Schiedsverfahren wird zu einem zentralen Anliegen. Mehrere Schiedsverfahren bereiten sowohl den Parteien als auch dem Schiedssystem erhebliche Schwierigkeiten und bergen die Gefahr widersprüchlicher Entscheidungen.
Die Verwaltung dieser Parallelverfahren wirft verschiedene verfahrensrechtliche und materielle Fragen auf und erfordert einen systematischen Ansatz für ihre effektive Lösung.
Ursachen für mehrere Schiedsverfahren
Die Hauptursachen für mehrere Schiedsverfahren sind das Bestehen mehrerer Verträge in komplexen Geschäftsbeziehungen, multilaterale Vereinbarungen zwischen verschiedenen Parteien und das Vorhandensein von Vertragsketten. Zusammenhängende Verträge, die aus Rahmenverträgen, Unterverträgen und Garantievereinbarungen bestehen, sind besonders häufig in Sektoren wie Bauwesen, Energie und internationalem Handel.
Forum Shopping spielt auch eine Rolle bei der Entstehung mehrerer Schiedsverfahren. Parteien können Schiedsinstitutionen oder Rechtsordnungen wählen, die sie als günstiger empfinden, was dazu führen kann, dass derselbe Streit auf unterschiedliche Weise behandelt wird. Darüber hinaus tragen unterschiedliche Auslegungen von Schiedsvereinbarungen oder Streitigkeiten über ihre Gültigkeit zu dem Problem bei.
In internationalen Handelsbeziehungen führen grenzüberschreitende Parteien und die Vielschichtigkeit von Streitigkeiten häufig zu mehreren Schiedsverfahren. In solchen Fällen ziehen es die Parteien möglicherweise vor, Verfahren in ihren Gerichtsbarkeiten einzuleiten, in denen sie sich sicherer fühlen.
Rechtsfragen in parallelen Schiedsverfahren
Das wichtigste Thema in parallelen Schiedsverfahren ist das Risiko widersprüchlicher Entscheidungen. Wenn verschiedene Schiedsgerichte zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen in derselben Streitigkeit gelangen, untergräbt dies die Rechtssicherheit und schafft ernsthafte Unklarheiten für die Parteien. Dies kann insbesondere in der Durchsetzungsphase zu großen Problemen führen.
Die Anwendung des Res judicata-Prinzips in Schiedsverfahren wird in Parallelverfahren kompliziert. Es kann sich die Frage stellen, welche Entscheidung Vorrang hat und welche verbindlich ist. Parallele Verfahren schaffen auch prozessuale Herausforderungen. Mangelnde Koordination bei der Beweiserhebung, Zeugenaussagen, Gutachten usw. kann Verfahren verlängern und Kosten erhöhen. Bei unterschiedlichen Verfahrensregeln kann auch die Gewährleistung eines gleichen Schutzes der Verteidigungsrechte der Parteien problematisch werden.
Die Verhinderung von Mehrfachschiedsverfahren beginnt mit einer sorgfältigen Planung bei der Vertragsgestaltung. Schiedsvereinbarungen sollten klar formuliert sein und den Umfang der Streitigkeiten und die zuständige Schiedsinstitution angeben. Bei Mehrparteienverträgen sollten alle Parteien an dieselbe Schiedsvereinbarung gebunden sein, oder die Schiedsklauseln in den Rahmenverträgen und Unterverträgen sollten harmonisiert werden.
Zu Beginn eines Schiedsverfahrens ist es entscheidend, auf Parallelverfahren zu prüfen und gegebenenfalls für eine Koordinierung zu sorgen. Wenn ein Schiedsgericht eine solche Situation feststellt, sollte es geeignete Maßnahmen ergreifen, um das Verfahren zu konsolidieren, auszusetzen oder zu koordinieren.
Der Konsolidierungsmechanismus ist eine wirksame Methode zur Lösung mehrerer Schiedsverfahren. Es ermöglicht die Konsolidierung verbundener Verfahren vor einem einzigen Gericht. Dies erfordert jedoch in der Regel die Zustimmung aller Parteien. Dennoch erlauben bestimmte Schiedsregeln (z. B. die ICC-Schiedsordnung oder die HKIAC-Regeln) die Konsolidierung unter bestimmten Umständen auch ohne Zustimmung der Parteien auf der Grundlage institutioneller Entscheidungen. Die Beachtung solcher Details ist in der Praxis von entscheidender Bedeutung.
Eine einstweilige Verfügung ist ein weiteres Instrument, um Parallelverfahren zu verhindern. Das türkische Internationale Schiedsgesetz regelt diese Frage nicht ausdrücklich und überlässt sie dem Ermessen des Schiedsgerichts. Im EU-Recht gewährt die Brüssel-I-bis-Verordnung Anti-Klageverfügungen eine begrenzte Wirkung und schränkt solche Maßnahmen ein, weil sie zu Kompetenzverteilungskonflikten zwischen Gerichten führen.
Die internationale Schiedspraxis präsentiert verschiedene Ansätze für die Verwaltung mehrerer Verfahren. Führende Institutionen wie ICC, LCIA, HKIAC und ICSID haben entsprechende Bestimmungen in ihre Regeln aufgenommen und Konsolidierungsmechanismen etabliert. Zum Beispiel behandelt das ICSID-System Mehrparteienstreitigkeiten in Schiedsverfahren zwischen dem Staat und dem Investor unterschiedlich und entwickelt einzigartige Mechanismen für mehrere Investitionsabkommen oder mehrere Investorenstreitigkeiten.
Schlussfolgerung
Die Koordination mehrerer Schiedsverfahren ist nach wie vor eines der komplexesten Themen im modernen Schiedsrecht. Präventive Maßnahmen bei der Vertragsgestaltung und die Implementierung von Koordinierungsmechanismen bei Schiedsverfahren sind für die Bewältigung dieses Problems von entscheidender Bedeutung. In diesem Zusammenhang sollten Schiedsinstitutionen Konsolidierungs- und Koordinierungsmechanismen in ihren Regeln festlegen.
Praktiker sollten während der Vertragsphase Maßnahmen ergreifen, um Mehrfachverfahren zu verhindern, das Bestehen paralleler Verfahren während des Schiedsverfahrens zu untersuchen und die erforderliche Koordinierung sicherzustellen. Ein proaktiver Ansatz ist in diesem Prozess von entscheidender Bedeutung.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Koordinierung mehrerer Schiedsverfahren eine Priorität für die Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit des Schiedssystems darstellt. Anpassungen und verbesserte Praktiken in dieser Hinsicht werden das Schiedsrecht weiter stärken.
Rechtsanwältin Selin Ünverdi













